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27 Vier Jahre und neun Monate, mit anschließender Sicherungsverwahrung. So das Urteil „meines“ Strafgefangenen, den ich hier mal „Matthias N.“ nenne, der aber mit Realnamen natürlich ganz anders heißt. Er ist Mitte 40, also in meinem Alter. Was genau er gemacht hat und weshalb er verhaftet wurde, weiß ich natürlich, werde ich aber aus sicherlich nachvollziehbaren Gründen nicht genauer benennen. Fakt ist: Er ist kein Bankräuber, hat aber auch niemanden umgebracht. Wobei ich weder den Bankräuber verharmlosen möchte noch die Tat, die Matthias N. begangen hat – und für die er zurecht auch sitzt. Warum ich mich mit jemandem treffe, der hinter Gittern sitzt? Eine Frage, die mir seit Beginn dieser Tätigkeit sehr häufig gestellt wird. Von Familie, von Freunden. Die Antwort ist eigentlich ganz einfach und gar nicht mal so spannend oder aufregend: Ich interessiere mich seit vielen Jahren für wahre Verbrechen – True Crime genannt. Ich habe zahlreiche Podcasts abonniert, lese und recherchiere viel, schaue sehr viele Dokus in den Mediatheken und auf YouTube. Egal ob eine deutschsprachige Reportage über den sogenannten „Parkhausmörder“ oder eine Aufarbeitung auf Englisch, den Fall „JonBenét Ramsey“ betreffend. Erstgenannter saß übrigens in der JVA Straubing bis zu seiner Entlassung im Frühling dieses Jahres. Mich interessiert: Warum werden Menschen „wie du und ich“ zu Straftätern? Und glauben Sie mir: Es sind keineswegs immer Durchgeknallte oder psychisch Kranke! Matthias N. beispielsweise ist ein Typ, mit dem auch jeder von Ihnen ein Bier trinken gehen würde. Er ist nett, sympathisch, intelligent. Ein Kumpeltyp. Und ganz nebenbei noch Vater eines 19-jährigen Sohnes. Er führte vor seiner Inhaftierung ein ganz normales Leben, war seit vielen Jahren Angestellter in einer großen Firma, hatte Familie, ein Zuhause, ein solides Einkommen, ein intaktes Sozialleben – aber wohl auch den Hang dazu, etwas zu tun, das Konsequenzen haben sollte. „Torsten, das wird mir nie wieder passieren, wenn ich draußen bin!“, sagt Matthias zu mir. Und: Ich glaube ihm. Klar, ich bin weder Psychologe noch habe ich etwas in dieser Richtung studiert. Aber ich denke, eine gute Menschenkenntnis zu besitzen. Und wenn er mal die Gefängnisstäbe hinter sich lassen darf, werde ich mit ihm ganz gewiss mal was trinken gehen. In Straubing. Oder in der Stadt, in der er zuvor gelebt hat. Freitag, 8. September 2023, 13:25 Uhr. Ich gebe meinen Personalausweis am Empfangsbereich ab und erhalte im Gegenzug einen kleinen Schlüssel zu einem Spind, in dem ich Handy, Geldbeutel, Armbanduhr und Gürtel verstaue. Meine Brille lege ich kurz beim Pförtner ab, ebenso drei Euro in Münzen. Sodann muss ich – ähnlich wie am Flughafen – durch den „Sicherheits-Check“. Brille und Geld wieder an mich genommen, passiere ich eine massive Tür, die mir elektronisch geöffnet wird. Es geht runter. Runter in den Keller. Erneut eine gefühlt zentnerschwere Tür. Ein Summen. Ich warte im Besucherbereich auf Einlass in einen Gemeinschaftsraum mit sieben Tischen. Pro Tisch ein Gefangener, der sich auf Familie, Freunde oder Betreuer freut. Die drei Euro gebe ich bei den Wärtern ab, die vor zahlreichen Monitoren sitzen und das Areal überwachen. Zwei Tafeln Schokolade kann ich zu diesem Preis für Matthias N. kaufen, die ihm nach meinem Besuch ausgehändigt werden. Ein kurzes Shakehand, ein Lächeln zur Begrüßung, ehe wir uns setzen. Matthias muss sich mit dem Gesicht zu den Wärtern positionieren. Auflage. Ich erzähle ihm von meiner Idee „Weihnachten hinter Gittern“. Ich habe Matthias im Vorfeld das Juli- und das Septemberheft zukommen lassen. Und ihm gefiel, was er las. „Hättest Du Lust, einen Beitrag zum Thema Weihnachten zu schreiben für das Magazin?“, frage ich ihn. Er findet es klasse und hat sich sofort bereiterklärt, ein paar Zeilen zu verfassen. Da weder er mir etwas beim persönlichen Treffen übergeben darf noch ich ihm, muss er mir seine Worte schriftlich per Post schicken. Und siehe da – eine Woche später hatte ich einen Brief von Matthias, den ich hier in unveränderter Form wiedergebe: www.justiz.bayern.de/justizvollzug/anstalten/jva-straubing/ Servus Torsten, wie gewünscht kommen hier ein paar Zeilen zum Thema „Weihnachten im Gefängnis“: Weihnachten ist hier im Gefängnis für mich ein Tag wie jeder andere. Zu Weihnachten gehören Familie und Freunde. Der persönliche Kontakt ist zur Familie hier drinnen leider sehr eingeschränkt. Im Monat kann man fünfmal eine Stunde lang skypen oder Besuch bekommen. Die Plätze für Skype und Besuch sind auch sehr begrenzt. Skypetermine an Weihnachten zu bekommen, ist auch eine große Glückssache. Ansonsten kann man nur 40 Minuten im Monat telefonieren. Um mit der Familie an Weihnachten Kontakt zu haben, sind 40 Minuten nicht gerade sehr viel, da dann ja auch mehrere Mitgefangene noch telefonieren wollen. In der Weihnachtszeit wird ein Christbaum aufgestellt. Ein paar Gefangene backen Plätzchen, und an Weihnachten sitzen wir nachmittags ein bisschen zusammen. Um 16:30 Uhr werden die Zellen – wie an jedem Wochenende – verschlossen und man ist ab dann komplett alleine für sich. Von der Anstalt bekommen wir einen Schokonikolaus und einen Stollen. Beim Einkauf kann man zu Weihnachten ein paar Artikel wie Lebkuchen und Spekulatius kaufen Dafür kann man sich auch, wenn man jemanden draußen hat, der einem etwas schickt, Geld aufs Sondergeldkonto überweisen lassen. Für einen Weihnachtseinkauf. Es besteht auch die Möglichkeit, ein überteuertes Weihnachtsgesteck für die Zelle zu erwerben. Sonstige Deko für die besinnliche Zeit oder Kerzen sind nicht erlaubt. In der Gefängniskirche gibt es an Weihnachten eine Messe – für die, die es möchten. Nur daran merke ich hier, dass Weihnachten ist. Wie gesagt: Für mich ist das hier kein Weihnachten. Das wird es erst wieder, wenn ich in Freiheit bin.

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