Heimatzeit St. Englmar

Montag, 28. September 2020 LANDKRE I S STRAUBING-BOGEN 13 Wallfahrt, Wintersport, Wandern und mehr Die (touristische) Entwicklung des Bergdorfs Sankt Englmar ist eine Erfolgsgeschichte S ankt Englmar liegt auf 805 bis 905 Metern üNN auf der Passhöhe zwischen den bei- den Hausbergen des Ortes, Predigt- stuhl (1024 m) und Pröller (1048 m). Die Passhöhe ist der Ortsteil Pre- digtstuhl, einer der Kristallisati- onspunkte des Tourismusgesche- hens vor Ort, wie der Besucher schon anhand der Bebauung un- schwer erkennen kann. Dort kon- zentrieren sich etwa ein Drittel der Gästeankünfte, Gästeübernachtun- gen und Gästebetten der Gemeinde. Auch ein Großteil der etwa 400 Zweitwohnsitze ist dort verortet. Da die Gemeinde selbst nur etwa 1900 Einwohner hat, verfügt Sankt Englmar mit seinen rund 400000 Übernachtungen im Jahr über eine der höchsten Tourismusintensitäten (Übernachtungen pro Einwohner) in Deutschland. Seinen Namen ver- dankt der Ort dem seligen Engel- mar, einem wohltätigen Eremiten, der sich um das Jahr 1100 in einer Klause im Wald niedergelassen hat. Wallfahrtsort schon seit dem 13. Jahrhundert Der nach wie vor hochverehrte, unfreiwillig aus dem Leben geschie- dene Ortspatron war auch Grund für die ersten touristischen Bewe- gungen vor Ort, eine Wallfahrt, die etwa um das Jahr 1300 begann. Der Brauch des Englmarisuchens, der an den Tod und die Auffindung des seligen Engelmars erinnert, wurde in diesem Jahr in die Liste des im- materiellen Kulturerbes Bayerns aufgenommen und sogar für die Aufnahme in die nationale Liste vorgeschlagen. Die Wallfahrten wa- ren allerdings zahlenmäßig nicht sonderlich bedeutsam, sind aber doch Beleg für den frühen Bekannt- heitsgrad des kleinen Ortes. Einen wichtigen Impuls erhielt der Touris- mus im 19. Jahrhundert, als um 1870 norwegische Forststudenten auf einer Exkursion im Bayerischen Wald die ersten Schneeschuhe als Vorläufer heutiger Skier in die Ge- gend brachten. 1902 fand das erste Skirennen des Bayerischen Waldes in Sankt Englmar statt. An dieses wird alle drei Jahre am Faschings- dienstag mit dem Nostalgieskiren- nen erinnert. Im Sommer waren es vor allem Jagdgäste und Wanderer, die leicht erreichbare Ziele, wie den Pröller, ansteuerten. Während des Ersten und des Zweiten Weltkriegs gab es kaum Urlaubsreisen in den Bayerischen Wald und auch in den ersten Nach- kriegsjahren waren in den wenigen zu entbehrenden Betten hauptsäch- lich Flüchtlinge untergebracht. Erst ab 1955, das Jahr, in dem erstmals die Gäste- und Übernachtungszah- len in Sankt Englmar systematisch archiviert wurden, zeichneten sich wieder bedeutsame touristische Ak- tivitäten ab. Sehr viel wichtiger als die Über- nachtungsgäste waren die Naherho- ler aus dem Raum Regensburg/ Straubing. Diese waren auch die ersten Nutznießer einer starken Spezialisierung auf die Wintersai- son. Die hohe Reliefenergie in der Gemeinde – auf kurze Distanz müs- sen teilweise Höhenunterschiede von bis zu 400 Metern überwunden werden – sind Grundlage für die Ausbildung des Wintertourismus. „Drei Viertel Jahr Winter, a Vier- teljahr koid, so ist das Wetter im Bayrischen Woid“ – eine alte Volks- weisheit, die gut das vorherrschen- de raue Mittelgebirgs(reiz-)klima umschreibt, das Sankt Englmar ei- nerseits das Prädikat Luftkurort beschert hat und anderseits immer wieder für beachtliche Schneemen- gen und lange Schneedeckendauern sorgt. So verwundert es nicht, dass zwischen 1959 und 1973 13 Skilifte, davon sechs Flutlichtanlagen, in Betrieb gingen, obwohl noch nicht alle Anwesen im Ort elektrifiziert waren. Man setzte Prioritäten. Das übrige Beherbergungs-, Ver- pflegungs- und Freizeitangebot war bis Ende der 1960er-Jahre nur rudi- mentär ausgebildet. Dies sollte sich jedoch schnell ändern, nachdem Anfang der 1970er-Jahre ein wahrer Bettenboom einsetzte. Im Zeitraum von 1970 bis Mitte der 1990er-Jahre entstand ein Großteil der 3800 Bet- ten und dies vor allem konzentriert auf den Ortsteil Predigtstuhl: 350 im Kur- und Sporthotel, 500 im Haus Berghof und 1400 Betten in 450 Wohneinheiten im Aparthotel Predigtstuhl, das mit seiner eigen- willigen Architektur nicht nur auf Gegenliebe stieß. In den 80er-Jah- ren wurde das Hotel Angerhof ge- baut, das in späteren Jahren als ers- tes spezialisiertes Wellnesshotel im Bayerischen Wald wichtige Pionierarbeit leistete und immer wieder – wie auch jüngst mit einer beeindruckenden Erweiterung des Wellnessbereichs auf 6500 Quadrat- meter – die Maßstäbe für den Well- nessurlaub im Bayerischen Wald setzt. Urlaub auf dem Bauernhof: einzigartige Qualität Angestoßen durch den Mauerfall kam es auch zu einem massiven Ausbau im Bereich der Ferienwoh- nungen und durch eine günstige Förderkulisse entstand ein Urlaub- auf-dem-Bauernhof-Angebot, das in seiner Dichte und Qualität sei- nesgleichen vergeblich sucht. Paral- lel zur Beherbergung hat sich auch das Freizeit- und Unterhaltungsan- gebot weiterentwickelt. Astrid Piermeier Blick vom Steinernen Engelmar auf den Ort. Foto: Astrid Piermeier STRAUBING-BOGEN www.straubinger-tagblatt.de Heute im Landkreis Kalenderblatt Seite 14 Veranstaltungen Seite 14 Windberg: Willi Poiger aus der Pfarrei Maria Himmelfahrt wird zum Diakon geweiht ..... 16 Geiselhöring: Acht Kilometer langer Rundweg nach Haindling mit reizvollen Ausblicken...... 17 Bei Fragen zur Zeitungszustellung: Telefon.............. 09421/940-6400 Der direkte Draht zur Redaktion: Telefon.............. 09421/940-4620 Telefax.............. 09421/940-4609 landkreis@straubinger-tagblatt.de Heimatzeit in heimatzeit.idowa.de Sankt Englmar Ambitionierte Projekte Sommerrodelbahn, Waldwipfelweg, Xperium N ach einem groß angelegten Ausbau des Kurparks mit Er- lebnishof „Alte Mühle“, Streuobst- flächen, Spielmeile für Kinder und Anlage eines Naturbadesees auf der kommunalen Seite in den 1990er- Jahren haben vor allem ambitio- nierte Projekte von Privatunterneh- mern einen immensen Einfluss auf die Freizeitinfrastruktur der Ge- meinde. Nicht zu vernachlässigen ist die Tatsache, dass es sich bei den Investoren zu einem großen Teil um Landwirte handelt, die neben zu- kunftsweisenden Ideen auch eine günstige Förderkulisse vorfanden. Inzwischen Freizeitpark Trotzdem: „Wirtschaftsförderung gibt einen Schubser, laufen muss es aber von selbst …“, so Franz Bindl, Betreiber des Rodel- und Freizeit- paradieses Sankt Englmar, das die Englmarer in Erinnerung an den Ursprung banal „die Rodelbahn“ nennen, obwohl dieser Begriff dem jetzigen Freizeitpark nicht mehr ge- recht wird. Neben der Rodelbahn, die 1998 eröffnet wurde, gibt es seit 2008 einen wetterunabhängigen Coaster, eine Tubing-Bahn, Spiel- golfanlage und Rutschenparadies (2013/14), den „Voglwuiden Sepp“, Bayerns längste Achterbahn, den preisgekrönten „Kugelwoid“ (2017) sowie die Motorikwiese 2018 und weitere Attraktionen, die nach und nach mit einer Investitionssumme von fast acht Millionen entstanden sind. Und die nächsten Planungen stehen an: Eine Jet-Ski-Anlage, ein „Familien-Free-Fall“ und eine Er- weiterung der Sanitäranlagen ste- hen für 2021 ebenso ins Haus wie eine Parkplatzverlagerung und Ver- kehrsoptimierung. Der zweite Leuchtturm ist der 2008 eröffnete Waldwipfelweg. Auch hier entste- hen in kurzen Abständen immer neue Attraktionen, wie das 2013 ge- baute Haus am Kopf oder der neue Waldturm, der in 52 Metern Höhe einen grandiosen Rundumblick bie- tet (Eröffnung Oktober, Investiti- onssumme rund fünf Millionen Euro). Bayerwald Xperium 2015 wurde im Ortszentrum das Bayerwald Xperium eröffnet, das neben der Attraktivitätssteigerung im touristischen Angebot ein Segen für das Ortsbild ist. Hier konnte ein lange währender Leerstand besei- tigt und sinnvoll genutzt werden. Das denkmalgeschützte Haus er- strahlt nach der Sanierung in neu- em Glanz, wertet den Ortskern auf und ist ein Besuchermagnet. „Ganz nebenbei“ haben sich 30 gastrono- mische Betriebe in der Gemeinde entwickelt, wobei diese Branche nicht nur durch die Pandemie ge- beutelt wird. Wie andernorts ist die Regelung der Betriebsnachfolge eine Herausforderung. (ap) Bürgermeister Anton Piermeier auf dem neuen Holzturm. Mia samma Genussort … ... und das feiern wir mit vielen Angeboten S ankt Englmar, einer von 100 Genussorten in Bayern, bietet seinen regionalen Spezialitäten eine besondere Bühne: Bereits zum drit- ten Mal gibt’s bis 11. Oktober die Genusswochen unter dem Motto „Heimat genießen“. Rund um das Erntedankfest wird eine Fülle von heimischen Köstlichkeiten in den Wirtshäusern, Restaurants, auf den Hütten und in den Cafés der Ur- laubsregion mit Kreativität gekocht und geschmackvoll verarbeitet. Heimische Produkte – Englmarer Weidekalbin, Grünmühlforelle, Greindlschnaps, Streuobst und Wild –, dazu Natur, Kultur und Landschaft sowie Einfallsreichtum und Gastfreundschaft der Wirte – das sind die Säulen des Genussortes Sankt Englmar. Sie alle stehen für Genusserlebnisse, die auf die Gäste warten. Artgerechte Tierhaltung, standortgerechter Anbau, absolute Frische, kurze Transportwege und Klasse statt Masse sind die Prämis- sen der teilnehmenden Genusswo- chenbetriebe. (ap) ■ Informationen zum Programm der Genusswochen gibt’s unter www.sankt-englmar.de kreis & quer D ass die Wahl des Obstbaumes gut überlegt sein will, ist im- mer wieder in Gartenratgebern zu lesen. Dumm nur, wenn das dem Opa vor 90 Jahren halt keiner ge- sagt hat... Im Garten einer Freun- din überragt der Birnbaum das Haus schon seit langem. Wenn sie den abernten wollte, müsste die Fa- milie sich eine Drehleiter von der Feuerwehr ausleihen. Selbst von der Terrasse im ersten Stock aus sind die obersten Früchte nicht zu errei- chen, auch nicht mit dem Teleskop- stab. „War der nicht früher län- ger?“, hat die Mutter der Freundin sich ob ihrer vergeblichen Versuche gewundert. „Nein“, hat die Antwort Birnensymphonie gelautet, „ihr wart nur beide früher einmal kleiner – du und der Baum.“ Auch wenn die Birnen oben noch viel schöner, größer und saftiger wären – es ist keineswegs so, dass die Familie aufs Ernten verzichten muss. Selbst all jene Früchte, die er- reicht werden können, füllen noch unzählige Körbe. Und die Kaffeeta- fel biegt sich: Birnenkuchen, Bir- nenkompott, Birnensorbet... „Die reinste Symphonie“, kommentierte die Mutter der Freundin den An- blick neulich mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht. Im selben Mo- ment landete eine der Birnen von ganz obenmit sattem„Flatsch!“ auf dem Gartenweg, gefolgt von einer zweiten, die mit gedämpfterem Ton auf dem Rasen aufschlug. „Ich glaub, euer Baum komponiert auch grad“, sagte eine Besucherin ange- sichts dieser „Begleitmusik“. Da knallte eine Birne auf ein Fensterbrett: „Bäng!“ – Vermutlich der Einsatz der Pauke... –map– 8A6LniQo

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