Heimatzeit Hunderdorf

Montag, 20. Juli 2020 LANDKRE I S STRAUBING-BOGEN 13 Heute im Landkreis Kalenderblatt Seite 14 Veranstaltungen Seite 14 Oberschneiding: „Silicon Valley Project“ mit Unterstützung amerikanischer Mentoren ist gestartet............ 15 Bogen: Michael König, Gründer und Geschäftsführer von Justland, geht in den Ruhestand ........... 17 Bei Fragen zur Zeitungszustellung: Telefon.............. 09421/940-6400 Der direkte Draht zur Redaktion: Telefon.............. 09421/940-4620 Telefax.............. 09421/940-4609 landkreis@straubinger-tagblatt.de STRAUBING-BOGEN www.straubinger-tagblatt.de Auf Spurensuche Kornel Klar hat in seinen Chroniken das Wissen der Zeitzeugen bewahrt Hunderdorf. Er selbst musste 1944 aus seinem Heimatdorf im Ba- nat, heute in Serbien gelegen, flie- hen. Vielleicht war dieses Erlebnis als 19-Jähriger mit ein Grund, dass Kornel Klar sich ein Leben lang auf Spurensuche begeben hat: Wie sind Dörfer wie Hunderdorf oder Stein- burg entstanden? Wie haben sie sich entwickelt und warum? Im vergangenen Jahr ist Kornel Klar im Alter von fast 94 Jahren ge- storben. Jahrzehntelang hatte er sich darum bemüht, Ortsgeschichte zu recherchieren, zu dokumentieren und so für die Nachwelt zu erhalten. Denn: „Das Gesicht unserer Heimat hat sich besonders in der zweiten Hälfte des ausgehenden Jahrhun- dert sehr verändert“, schrieb er im Vorwort zu seinem Buch „Gemeinde Hunderdorf im 20. Jahrhundert – 100 Jahre im Spiegel der Zeit“. Spä- tere Generationen sollten aber wis- sen, wie es früher war. Den Anstoß zu seiner Forschungs- tätigkeit habe sein Beruf als Lehrer gegeben, erinnert sich sein Sohn Kornelius Klar, ehemaliger Hunder- dorfer Rektor im Ruhestand und in- zwischen ebenfalls Ortschronist: „Nachdem zur Erteilung eines hei- matkundlichen Unterrichts schrift- liche Unterlagen fehlten, entdeckte er seine Vorliebe für die Geschichte und besuchte in der Folgezeit Archi- ve und Bibliotheken, kaufte Litera- tur und sammelte Berichte aus Zei- tungen und Zeitschriften.“ Das war 1945, als Kornel Klar seine erste Lehrerstelle in Englmar erhalten hatte. 1951 wurde er nach Neukir- chen versetzt, 1955 bezog er sein neu gebautes Haus in Hunderdorf, zehn Jahre später wechselte er an die dortige Schule. Überall hat er Spuren hinterlassen: in seinem En- gagement in verschiedenen Verei- nen ebenso wie als einer, der wissen wollte, was vorher war und wie sich Ort, Landschaft und vielleicht auch die Menschen verändert haben. Ne- ben schriftlichen Quellen hat er sich dabei auch die Mühe gemacht, und Zeitzeugen beziehungsweise ältere Leute befragt. Messer und Scheren „made in Hunderdorf“ Auf diese Weise ist sein Buch „Hunderdorf in der ‚guten alten Zeit‘“ entstanden, in dem zahlrei- che alte Fotos und Postkarten aus heutiger Sicht recht ungewohnte Blickwinkel auf Hunderdorf, Gais- hausen, Thananger, Au oder Stein- burg zeigen. Ein seltenes – und ohne Kornel Klar vielleicht längst ver- gessenes – Zeitdokument ist das Foto, das die Arbeit in der Hunder- dorfer Messerschmiede zeigt. Sie sei die einzige in weitem Umkreis ge- wesen und habe in ihrer Blütezeit von 1930 bis 1939 sieben Beschäf- tigte gehabt. 1955 wurde das Was- serrad, das den Schleifstein antrieb, abgebaut. Das war das Ende der Messer und Scheren „made in Hun- derdorf“. Ein weiteres, besonderes Bild in dem Buch ist das des Dorffotogra- fen Ludwig Poiger. Kornel Klar schreibt dazu: „Daß auf dem Dorfe mit einigen hundert Einwohnern auch ein Fotograf zu finden ist, war um die Jahrhundertwende eine große Seltenheit, da das Fotografie- ren nur Fachleuten vorbehalten war. (...) Ihm verdankt Hunderdorf viele Ansichten aus der Zeit, als man mit riesigen Fotoapparaten den Ort und die Menschen auf die Platte bannte.“ Ländliche Tracht, wie sie wirklich ausgesehen hat Zeitdokumente sind auch die Fo- tos von Personen, die um 1900 ge- macht wurden. Sie zeigen, wie länd- liche Tracht damals tatsächlich aus- gesehen hat – mit den langen Klei- dern der Frauen fast schon elegant und weit entfernt von Landhausmo- de oder Volksfestdirndl-Look. Ele- gant-bürgerlich wirkt auch die Be- kleidung der Familie von Johann und Rosalie Berger in Steinburg – soweit man das beurteilen kann. Denn die Familie ist nur klein im Vordergrund des mächtig wirken- den Brauereigebäudes zu sehen. Das Motiv drückt den Stolz auf den schmucken Betrieb aus. „Bleib heimattreu, trink Bergerbräu“ Kornel Klar berichtet zu dem Foto, die Bergers hatten die Braue- rei zunächst nur gepachtet, waren aber wenige Jahre später schon in der Lage, sie zu kaufen. Auch der Werbeslogan ist dank Klar überlie- fert: „Bleib heimattreu, trink Ber- gerbräu“. Es sind solche kleinen Details, die in der „großen Geschichte“ gern un- tergehen – und nur durch Menschen mit Interesse am Ortsgeschehen wie Kornel Klar überliefert werden. In seinem Nachruf hat ihn der damali- ge Bürgermeister Hans Hornberger so gewürdigt: „Er hat mit seinem Lebenswerk der Nachwelt eine großartige Chroniksammlung ge- schenkt. Sein unentgeltliches eh- renamtliches Engagement ist von unbezahlbarem Wert.“ –pah– Wissen über die Heimatgeschichte zusammenzutragen, war sein Hobby: Der im vergangenen Jahr verstorbene Orts- chronist und Hunderdorfer Ehrenbürger Kornel Klar vor Bücherregalen. Foto: Xaver Kern Kornelius Klar ist noch dabei, den umfangreichen Nachlass seines Vaters Kornel Klar aufzuarbeiten. Foto: Patrizia Burgmayer Das Ziel heißt Digitalisierung G enau 64 Positionen hat die Liste der Bücher, die Kornel Klar geschrieben hat. Sein Sohn ist noch dabei, den Nachlass auf- zuarbeiten. „Eigentlich möchte ich alles digitalisieren. Aber ich weiß noch nicht, ob ich das schaf- fe“, sagt Kornelius Klar. Sein Va- ter sei schließlich sehr vielseitig interessiert gewesen. So gibt es auch mehrere Wanderführer oder Bücher wie „Burgen, Schlösser und Ruinen links der Donau“ oder „Mit Michael Wening durch den Landkreis Straubing-Bo- gen“. Wening, geboren 1645 in Nürnberg, war Hofkupferstecher bei Kurfürst Ferdinand Maria von Bayern und dessen Nachfolger Kurfürst Max Emanuel. Sein Hauptwerk gilt als umfassendste Landesbeschreibung Europas der Frühen Neuzeit. Einige von Kor- nel Klars Bücher sind noch in der Gemeindeverwaltung in Hunder- dorf erhältlich. –pah– Ausgewählte Geschichtsdaten Der Name Hunderdorf: Kornel Klar hat dazu verschiedene Theorien ge- funden und listet sie in „Hunder- dorf in der ‚guten alten Zeit‘“ wie folgt auf: • Hinderendorf – der Ort hinter den Höhenzügen • Von „Hunthari“ – der Sitz eines Unterbeamten der Gaugrafen, aber auch Sitz einer Hundertschaft • Der Ort mit 100 Wohnplätzen • „Hunt“ mit der Bedeutung Moor, Moos, Sumpf – Siedlung überm Moos • „Hundari“ – mit Gewalt besetztes Gebiet. In einer anderen Veröffentlichung fügt er noch die These an, der Orts- name könne auch auf das Kloster Windberg verweisen, das einen Windhund im Wappen führt. Erste urkundliche Erwähnung: in der Schenkungsurkunde von Friedrich von Winneberg (Windberg) aus dem Jahr 1065. Hunderdorf geriet in der Folge immer mehr unter die Herr- schaft der Ordensstifte Windberg und Hunderdorf, schreibt Klar. 1359 ist Klar zufolge der erste nach- weisbare Kirchenbau erfolgt. „Die Bedeutung der Pfarrei, die damals weit in den Wald hineinreichte, war zweifellos größer als die des Ortes.“ Die Möbelfabrik Nolte: Mit ihrer An- siedlung 1951 erlebte Hunderdorf einen großen wirtschaftlichen Auf- schwung. „Neue Siedlungen ent- standen, viele Straßen wurden aus- gebaut, die Kanalisation und die Wasserversorgung wurden verbes- sert, ein Schulzentrum wurde er- richtet“, schreibt Kornel Klar. Ende der 80er wurden viele Arbeiter ent- lassen, das Werk geschlossen. Der Schulstandort: 1792 gab es die erste Schule im Mesnerhaus. 1854 wurde das erste Schulhaus (für Bu- ben) gebaut, 1884 das zweite (für Mädchen). 1959 wurde der Neubau der jetzigen Grundschule fertig. „Es galt damals als modernstes Schul- gebäude Niederbayerns“, sagt Kor- nelius Klar, der dort viele Jahre „Hausherr“ war und schon als Bub bei der Grundsteinlegung dabei war. Inzwischen gibt es ein moder- nes Schulzentrum mit einem gerade generalsanierten Hallenbad samt Lehrschwimmbecken. Die Bahntrasse: Ende des 19. Jahr- hunderts wurde der im Volksmund später als „Bayerwald-Bockerl“ be- zeichnete Zug in Betrieb genom- men. Die Strecke wurde abschnitts- weise fertiggestellt, ab 1905 hatte der Vordere Bayerische Wald eine durchgehende Nord-Süd-Eisen- bahnverbindung zwischen Strau- bing und Cham. 1986 wurde die Trasse stillgelegt. –pah– kreis & quer A m Abend gibt’s ein neues Hob- by: Meditieren beim Zappen ohne Ton. Nein, nicht dass man sich plötzlich einen Fernseher zugelegt hätte. Aber vom Balkon aus sieht man einem Nachbarn genau in sein TV-Zimmer. Und da der sich mitt- lerweile einen Bildschirm in Kino- leinwandgröße zugelegt hat, hat man auch keinerlei Mühe, den Film- inhalt zu erkennen, obwohl der Garten groß und das Nachbarhaus weit weg ist. In dem Moment, als man durch den Riesenbildschirm wieder daran erinnert wurde, dass andere Leute mit Fernseher leben, war einem auch klar, warum alle anderen ge- nau dann, wenn man selbst abends Bunte Bilderwelt an der Donau ankommt, den Bade- strand fluchtartig verlassen: Das Abendprogramm beginnt gleich. Dabei ist es beim Schwimmen dann am schönsten: Man kann sich keinen Sonnenbrand mehr holen, und der Wind, der einem tagsüber fiese, kleine Wellen ins Gesicht bläst, legt sich auch. Dass man den ganzen Fluss quasi als Privatpool nur für sich allein hat, ist ebenfalls nicht zu verachten. Nur zwei Gänsesäger sind einem neulich noch begegnet. Der eine sagte: „Quak.“ Vielleicht hieß es: „Geh heim, Mensch, fernsehen.“ Wahrscheinlich aber sprach er nur mit seinem Partner. Eine Bekannte hat einmal die Theorie aufgestellt, dass die Fernse- her in deutschen Wohnstuben bloß deswegen jeden Abend angestellt werden, damit wenigstens irgendje- mand etwas sagt. Und dass Herum- zappen das Denken ersetzt. –map– Heimatzeit in heimatzeit.idowa.de Hunderdorf 8A6LniQo

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