Freistaat Bayern

ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE Heinz Theuerjahrs Holzschnitt aus dem Jahr 1976 „Laufender Elefant“ Von Sonja Esmailzadeh Harald Grill verknüpft das Reisen mit der Literatur, schreibt Romane, Lyrik und verfasst bayerische Dialektgedichte. Der 66-Jährige ist in der bayerischen Kulturlandschaft zu Hause, pflegt Kontakte zu zeit- genössischen Autoren. Während des langen Spaziergangs fallen ihm immer mehr prägende Künstler ein. Ein Beweis dafür, wie vielfältig die bayerische Kunstszene ist. Das braune, rostige Schild weist den Weg zur „Hölle“, inmit- ten der friedlichen Landschaft Brennbergs bei Wörth an der Donau, nahe der Walhalla. Ein Bach windet sich sanft durch die Wiesen ins Tal. Für den ostbayerischen Autor Harald Grill ein Sinnbild für die ihn prägende Literatur. „Mich interessiert die mäandernde Literatur, die sich ihren Weg sucht, nicht der geradlinige Mainstream.“ In den 1980er-Jahren lernt er den Autor Reiner Kunze kennen. „Seine Poetik ist mir am nächsten: Dinge miteinander verknüp- fen, die bis dahin noch nie jemand in dieser Form verknüpft hat.“ Beeinflusst haben den 66-jährigen Grill aus der Gemeinde Wald bei Cham aber auch literarische Urgesteine Bayerns. „Georg Britting aus Regensburg verdanke ich viele Anregun- gen. Seine Geschichte ,Brudermord im Altwasser‘ gehört für mich zur Weltliteratur“, sagt Grill. Weltliteratur, das sind für Grill auch Bertolt Brechts Gedichte und die Werke der „Rumpl- hanni“- und „Madam Bäuerin“-Autorin Lena Christ oder Josef Ruederer – Widerpart des Volkserzählers Ludwig Thoma –, der den Verfall in der Stadt beschrieben hat. An Oskar Maria Graf hat ihn dessen Pazifismus begeistert. „Er hatte eine tiefe Empathie für die kleinen Leute.“ Grill bleibt stehen, ergründet die Landschaft, geht Wege abseits der Beschilderung. Langsamkeit, fernab der Hektik oder Oberfläche, das ist Grill wichtig. „In dieser Hinsicht hat mich Sten Nadolny mit seinem Roman ‚Entdeckung der Lang- samkeit‘ inspiriert.“ Im Tal, dem Eingang zur Hölle, entspringt ein wilder Gebirgs- bach, der über große, moosbedeckte Steine rauscht. Gneis- und Granitfelsen türmen sich und blicken wie Drachen, Trolle und Hunde auf das Wasser herab. Genau in dieser mystischen Atmosphäre wechseln zwei Füchse über einen umgestürzten Baum das Ufer. Vögel singen in alten Linden. „Ich möchte die Natur mit allen Sinnen aufnehmen. Dabei geht es auch um Übersicht.“ Das gilt bei Grill auch für die Musik. „Das Duo de Clarinettes Basses, Norbert Vollath und Mike Reisinger, hat mir gezeigt, dass es möglich ist, die Poesie der Sprache in Musik umzusetzen.“ Aber auch Klassiker wie die Komponisten Max Reger und Carl Orff oder ostbayerische Volksmusik begleiten Grill. Schließlich geht es einen Hang hinauf. Dem Himmel ein Stück näher, fallen Sonnenstrahlen durch die Fenster der Ruine neben der schmalen Burg Brennberg. Knarzende Holztrep- pen führen zum Turm. Die grün-silbern schimmernde Do- nau-Landschaft sieht aus wie ein impressionistisches Gemälde. Die Szenerie erinnert Grill an den Maler Albrecht Altdorfer aus Regensburg, einem Schüler Albrecht Dürers. „Er hat als einer der ersten Landschaften ohne Heilige oder Politiker ge- malt.“ Die wenigen Wolken, die über den Himmel ziehen, sehen aus wie Tiere, ähnlich der Steine in der Hölle. Abstraktion, das hat Grill vom Tierbildhauer Heinz Theuerjahr aus dem Baye- rischen Wald gelernt. „Sie ist das Ergebnis eines langen Prozes- ses, der beim Konkreten beginnt.“ Die schnörkellose Burg verschwindet wieder hinter Bäumen und Hügeln. Märchenschlösser sind nichts für Grill. Wirklich inspirierend findet er Architektur, die bewegt, wie die des Filmemachers und Architekturkenners Dieter Wieland, der in Garmisch-Partenkirchen wohnt. „Auch er hat nach Wegen ge- sucht, wie moderne Häuser in die Landschaft passen oder wie die Altstadt von Landshut gestaltet werden kann.“ Über Wiesen geht es zurück, vorbei an fruchtbaren Bauern- höfen und verfallenen Häusern. Hie und da kräht ein Hahn – dann herrscht wieder Stille. Kontraste und Spannungen, die auch Grill umtreiben: Heimat und Freiheit, Bewegung und Ruhe, Himmel und Hölle. Künstlerspuren im Freistaat Literatur Georg Britting, 1891–1964, der Autor, nach dem sechs Straßen in Bayern benannt sind, war für seinen literarischen Expressionismus und seine bildhaften Geschichten bekannt. Während des Zweiten Weltkriegs blieb Brit- ting, der sich als national und sozialistisch bezeichnete, in Deutschland und passte sich in seiner Haltung an. Reiner Kunze, 1933, Der mehrfach ausge- zeichnete Schriftsteller hat eine Stiftung gegründet, in die das Ehepaar Kunze sein Vermögen einbrachte. Nach deren Tod soll ein Stiftungsrat das Wohnhaus in ein Muse- um verwandeln: mit Briefen, Stasi-Unterla- gen (Kunze stammt aus der ehemaligen DDR und wohnt in Passau), Fotos usw. Lena Christ, 1881–1920, oberbayerische Schriftstellerin, die zwei Jahre in Landshut lebte, nachdem ihr Ehemann als Soldat dort- hin versetzt wurde. Dort soll sie sich wohl- gefühlt und viele Geschichten geschrieben haben. Unter anderem Madam Bäuerin, das 1993 von Kultregisseur Franz Xaver Bogner verfilmt wurde. Bertolt Brecht, 1898–1956, einer der bekann- testen deutschen Autoren lebte von seiner Geburt im Jahr 1898 bis 1917 in Augsburg. Brecht gründete das epische Theater, das den Zuschauer zum Nachdenken anregen sollte. Er lebte während des Zweiten Weltkriegs im Exil. Einen Nobelpreis hat er trotz der Rezep- tion nie erhalten. Oskar Maria Graf, 1894–1967. Von Graf, der unermüdlich gegen den Faschismus und für den Frieden schrieb, stammt der berühmte Aufruf, als er erfuhr, dass seine Bücher nicht verbrannt wurden: „Verbrennt mich“ (...) Nach meinem ganzen Leben und nach mei- nem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mord- bande gelangen. (...)“ Josef Ruederer, 1861–1915, beschäftigte sich in seinen Romanen gesellschaftskritisch mit dem städtischen Leben in Bayern. Ludwig Thoma und er waren sich spinnefeind. Tho- ma, eher dem ländlichen Bayern zugewandt, warf Ruederer vor, alles falsch wiederzuge- ben. Er nahm ihn nicht einmal in sein Bay- ernbuch über 100 bayerische Autoren auf. Sten Nadolny, 1942, wuchs am Chiemsee auf, schon in seiner Jugend interessierte ihn der britische Polarforscher John Franklin, der später die Hauptfigur seines Romans „Die Entdeckung der Langsamkeit“ wurde. Musik Norbert Vollath und Mike Reisinger (Duo de Clarinettes Basses). Das Jazz-Duo trat seit 1997 auf Lesungen, in Ausstellungen und mit der Vertonung von Filmproduktionen auf: Vor zwei Jahren ist der Regensburger Musiker und Klangforscher Vollath in seiner zweiten Heimat Irland gestorben (1956–2015). Max Reger, 1873–1916. Die Stadt Weiden/ Opf. wird in Erinnerung an den Oberpfälzer Komponisten und Organisten auch „Max-Re- ger-Stadt“ genannt. Auch ein Asteroid trägt seinen Namen. Reger konnte mit der natio- nalistisch-traditionalistischen Musiksszene nichts anfangen. Sein großes Vorbild war Johann Sebastian Bach. Carl Orff, 1895–1982, sein wohl berühmtes- tes Werk ist die Carmina Burana. Zu weiteren Stücken zählen aber auch „Die Bernauerin“, nach Agnes Bernauer aus Straubing. Orff wurde im engsten Kreis in der Schmerzhaf- ten Kapelle in der Klosterkirche Andechs beigesetzt – eine Ehre, die sonst nur Adeligen und Geistlichen zuteil wurde. Kunst Albrecht Altdorfer, um 1480–1538, war als „wilder Maler von der Donau“ bekannt und Albrecht Dürers Schüler. Er gilt als Haupt- meister der Donauschule. Als einer der Ersten malte er Landschaftsbilder ohne Heilige, was zu der Zeit eher unüblich war. Heinz Theuerjahr, 1913–1991, beschäftigte sich als Bildhauer vor allem mit Tierskulp- turen. Er lebte im Bayerischen Wald, den er als „seinen Ort vom ersten Schöpfungstag“ empfand. Für ein Werk bereiste er vierzehn Mal Afrika und studierte die Tierwelt. Dieter Wieland, 1937, Dokumentarfilmer und Autor, der sich für Architektonisches, Denkmalschutz, Umwelt und Kulturland- schaften einsetzt. Er drehte den Film „Unser Dorf soll hässlich werden“, in dem er die Zer- siedelung und Zerstörung der Dörfer anpran- gert. Auch kritisiert er Neumodisches, das in schlechter Qualität Altes ersetzt.

RkJQdWJsaXNoZXIy MTYzMjU=