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Kliniken und Fachärzte

Spezialisten kämpfen gegen eine seltene Krebsart

Prof. Dr. Christoph Auernhammer vom Klinikum Großhadern über die Fortschritte in der Behandlung neuroendokriner Tumoren

Wer an einem neuroendokrinen Tumor

(NET) erkrankt, steht zunächst vor

einem Rätsel: Denn an der seltenen

Tumorart erkranken jährlich lediglich

2.000 bis 3.000 Menschen in Deutsch-

land, eine verhältnismäßig geringe

Zahl im Vergleich zu den jährlichen

Neuerkrankungen von Menschen in

Deutschland an Darmkrebs (über

60000), Bauchspeicheldrüsenkrebs

(über 16000), Magenkrebs (über

15000) oder Lungenkrebs (über

50000). Anders als bei häufiger

auftretenden Tumorerkrankungen ist

es für NET-Patienten daher nicht leicht,

den richtigen Ansprechpartner für die

Diagnose und die Therapie zu finden.

Der Lichtblick für Betroffene: In den

vergangenen zehn Jahren hat sich eini-

ges getan. Neben landesweit neuen Dia-

gnostik- und Therapiemöglichkeiten

sind auch spezialisierte Zentren ent-

standen. Sie zeichnen sich vor allem

durch ihren interdisziplinären Aufbau im

Kampf gegen die komplexe Tumorerkran-

kung aus. Eine solche Anlaufstelle ist

das Interdisziplinäre Zentrum für Neuro-

endokrine Tumoren (GEPNET-KUM) im

Klinikum der Universität München am

Campus Großhadern unter der Leitung

von Prof. Dr. Christoph Auernhammer

und Prof. Dr. Christine Spitzweg. Im

GEPNET-KUM werden mittlerweile mehr

als 500 Patienten mit NET jährlich be-

treut.

Herr Prof. Dr. Auernhammer, was

genau ist ein neuroendokriner

Tumor (NET)?

Prof. Dr. Christoph Auernhammer:

Ein

NET kann aus verschiedenen neuroendo-

krinen Zellen entstehen, die zum Bei-

spiel im Magen-Darm-Trakt im Gewebe

eingestreut liegen und dort auch eine

natürliche Funktion haben. Wenn aus ei-

ner dieser Zellen ein Tumor entsteht, ist

es ein NET.

Neuroendokrine Tumoren werden teil-

weise auch als Karzinoide bezeichnet.

Etwa ein Viertel aller NET sezerniert

Hormone ins Blut – in diesen Fällen

kann der NET durch entsprechende spe-

zifische Symptome der Hormonüberpro-

duktion auffallen und erkannt werden.

Die meisten NET fallen jedoch nur durch

ihre Tumorgröße und die dadurch verur-

sachten Beschwerden auf.

Was ist die besondere Herausforde-

rung bei der Behandlung?

Diese Tumoren muss man sehr differen-

ziert behandeln, weil sich der NET ab-

hängig von dem Organ, in dem er ent-

steht, unterschiedlich verhält – die Tu-

morbiologie, das Metastasierungspoten-

tial, die Prognose und damit auch die

Therapieansätze sind ganz unterschied-

lich. Das bringt auch verschiedene Fach-

richtungen in der Diagnostik und Thera-

pie zusammen.

Zum Beispiel entdeckt die meisten NET

des Magens oder Enddarms (Rektums)

normalerweise der Gastroenterologe, der

die Magen- oder Darmspiegelung macht.

In vielen Fällen kann man diese NET so-

nen – verbessern lässt.

Insofern spielt die Chi-

rurgie eine große Rolle

auch bei bereits metas-

tasierten NET

Wie lassen sich in-

operable NET im all-

gemeinen behandeln?

Die große Mehrzahl der

NET wächst relativ

langsam und wir kön-

nen mit verschiedenen

Therapieverfahren den

Tumor immer wieder in

eine Phase der Stabili-

sierung bzw. des Still-

stands bezüglich des

Tumorwachstums brin-

gen – häufig auch über

viele Jahre.

Viele Patienten mit

NET haben damit ins-

gesamt eine relativ

gute Prognose. Wir

können die Tumorer-

krankung im inoperab-

len Stadium bisher

nicht heilen, aber man

kann mit dieser dann

chronischen Erkran-

kung meist über viele Jahre leben.

Wenn Patienten, bei denen ein Tumor

in der Bauchspeicheldrüse entdeckt

wurde, im Internet nach Erklärungen

suchen, stoßen sie oft auf Hinweise

auf das Adenokarzinom, eine aggres-

sive Krebserkrankung, die häufiger

als ein NET vorkommt.

Statistisch gesehen ist die Prognose bei

einem NET des Pankreas sehr viel besser

als beim Adenokarzinom des Pankreas

und die Therapie ist komplett unter-

schiedlich.

Man sollte sich also nicht unbedingt

über Google informieren?

Es gibt durchaus gute und valide Infor-

mationsmöglichkeiten zu NET via Inter-

net – neben den medizinischen Fachge-

sellschaften für Ärzte sind das für Pa-

tienten und deren Angehörige vor allem

die Patienten-Selbsthilfeorganisatio-

nen. Die größte deutschlandweit aktive

Patientenselbsthilfeorganisation für Pa-

tienten mit NET ist das Netzwerk Neuro-

endokrine Tumoren e.V.

Gibt es neue Therapien, an denen

gerade gearbeitet wird?

Die Möglichkeiten in der Diagnostik und

Therapie von NET werden sich sicher

auch in der Zukunft noch weiter konti-

nuierlich verbessern.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Franziska Meinhardt

i

Informationen zum GEPNET-KUM

sowie Kontaktdaten online unter

www.klinikum.uni-muenchen.de/GEP-

NET/de.

Wo kann eine PET-CT durchgeführt

werden?

Das Verfahren gibt es inzwischen an vie-

len auf die Behandlung von Neuroendo-

krinen Tumoren spezialisierten Kliniken

und Zentren in Deutschand und ist so-

mit flächendeckend in Deutschland ver-

fügbar.

Wie funktioniert die Therapie mittels

PRRT?

Bei der PRRT werden Somatostatin ähn-

liche Peptide mit dem Nuklid 177Luteti-

um oder 90Yttrium einem Betastrahler

radioaktiv markiert. Dieses Radiophar-

mazeutikum wird dann als Infusion ver-

abreicht. Das Radiopharmazeutikum

verteilt sich über die Blutbahn und bin-

det an die Somatostatinrezeptoren auf

der Tumorzelle. Dies führt zu einer spe-

zifischen Bestrahlung des Tumors. Die

PRRT ist ein wesentlicher Therapie-Bau-

stein für die Behandlung von Patienten

mit NET.

Bei der Behandlung von NET-Patien-

ten, selbst bei inoperablen NET, hat

sich also auch viel getan. Welche wei-

teren Therapien gibt es?

Es gibt noch sehr viel mehr Möglichkei-

ten, die wir individualisiert bei dem ein-

zelnen Patienten zur Behandlung des

NET im inoperablen Stadium einsetzen

können. Wir haben etwa als medikamen-

töse Therapie die Biotherapie mit Soma-

tostatinanaloga. Außerdem gibt es

wichtige Weiterentwicklungen in der

Chemotherapie und wir haben neue mo-

lekular zielgerichtete medikamentöse

Therapiemöglichkeiten. In den vergan-

genen zehn bis 15 Jahren hat sich hier

ein deutlicher Wissensfortschritt in der

Therapie von NET ergeben

Gibt es Risikofaktoren, die die Entste-

hung von NET begünstigen?

Statistisch gezielte Risikofaktoren für

Neuroendokrine Tumoren sind eine an-

dere Krebserkrankung in der eigenen

Vorgeschichte, ein Neuroendokriner Tu-

mor in der Familiengeschichte sowie die

Risikofaktoren Rauchen, Alkohol, Diabe-

tes mellitus.

Für die allermeisten Patenten mit NET

können wir jedoch bisher keine spezifi-

schen Risikofaktoren benennen – die

Mehrzahl der Fälle tritt ohne fassbaren

Grund auf. Ausnahmen hiervon sind sel-

tene, genetisch bedingte Ursachen wie

zum Beispiel die Multiple Endokrine

Neoplasie Typ 1 (MEN1), bei der NET der

Bauchspeicheldrüse gehäuft auftreten.

Für viele NET ist die operative Entfer-

nung durch den Chirurgen die beste

Therapie. Inwieweit trägt die Chirur-

gie auch dann noch zur Behandlung

bei, wenn sich der NET nicht restlos

entfernen lässt?

Im Einzelfall sollte immer diskutiert

werden, ob sich die Prognose des Pa-

tienten durch eine Metastasenchirurgie

oder eine sogenannte Debulking-Opera-

tion – bei der angestrebt wird, zumin-

dest große Teile der Tumorlast zu entfer-

lichste Ursachen haben und sind nur

selten durch einen NET verursacht.

Wie geht es nach Entdecken des

Tumors weiter?

Wenn ein NET entdeckt worden und eine

Gewebeprobe aus dem Tumor genommen

worden ist, ist es die Aufgabe des Pa-

thologen, eine Klassifikation des Tumors

als Neuroendokrinen Tumor zu sichern

und die sogenannte Wachstumsfraktion

des Tumors zu bestimmen. Anhand die-

ses Befundes aus der Pathologie werden

dann unterschiedliche Diagnosestrate-

gien und Bildgebungsmodalitäten sowie

Therapiemöglichkeiten festgelegt, da-

her ist dies eine sehr wichtige Informa-

tion.

Die Diagnose NET hat in den letzten

Jahren zugenommen. Woran liegt

das?

Das hat verschiedene Gründe. Es werden

inzwischen zum Beispiel durch die

Darmkrebsvorsorge und den vermehrten

Einsatz der Magen- und Darmspiegelung

kleine frühe Tumorstadien von NET häu-

fig als Zufallsbefund diagnostiziert – das

kommt durch den häufigeren Einsatz der

Endoskopie einfach öfter vor. Außerdem

ist in den letzten Jahren bei vielen Ärz-

ten das Bewusstsein für diese seltene

Tumorerkrankung gewachsen und es

wird häufiger an die seltene Differenzi-

aldiagnose NET gedacht. Diese Faktoren

haben sicherlich mit dazu beigetragen,

dass die Häufigkeit der Diagnose NET

steigt. Ob auch ein tatsächlicher An-

stieg der Häufigkeit von NET vorhanden

ist, kann man nicht sicher sagen.

Kann man denn selber vorsorgen?

Nein, es gibt aufgrund der Seltenheit

dieser Tumoren keine allgemeine Vorsor-

geempfehlung für NET.

Welche Verfahren bieten spezialisier-

te Zentren bei der Diagnostik?

Zum Beispiel sind Neuroendokrine Tu-

moren (NET) in der klassischen Bildge-

bung – also in der Computer-Tomogra-

phie (CT) – teilweise schwer zu entde-

cken. Die Tumorzellen des NET haben

aber Bindungsstellen (Rezeptoren) an

ihrer Oberfläche für ein körpereigenes

Hormon, das Somatostatin. Diesen Um-

stand nutzt die Nuklearmedizin zur Bild-

gebung bei NET bei der sogenannten

PET(Positronen-Emissions-Tomogra-

phie)-CT aus und auch zur Therapie bei

der soganannten PRRT (Peptid-Rezep-

tor-Radionuklid-Therapie). Hierbei wer-

den dem Somatostatin ähnliche Peptide

mit dem Nuklid 68Gallium radioaktiv

markiert und dann als sogenannter Tra-

cer dem Patienten in die Vene injiziert.

Der Tracer verteilt sich über die Blut-

bahn und bindet an die Somatostatinre-

zeptoren auf der Tumorzelle – der Tumor

leuchtet im PET-CT auf und kann leichter

erkannt werden.

Diese spezielle PET-CT für NET hat die

Diagnostik von NET durch die Genauig-

keit verbessert, mit der wir nun NET im

Körper entdecken und sehen können.

lange sie klein und

noch nicht metasta-

siert sind nach spe-

ziellen Voruntersu-

chungen dann durch

endoskopische Ver-

fahren abtragen.

Hingegen ist ein NET

im Dünndarm oder in

der Bauchspeichel-

drüse leider bereits

bei der Erstdiagnose

schon häufig lokal in

die Lymphknoten

oder die Leber me-

tastasiert. Die Thera-

pieplanung dieser Er-

krankung muss mit

den Chirurgen, den

Onkologen, den Nu-

klearmedizinern und

den Radiologen in-

terdisziplinär

be-

sprochen werden.

Meist ist die Operati-

on des Tumors hier

die entscheidende

Therapiemaßnahme.

Bei inoperablen Be-

funden werden lokale

Therapieverfahren

und systemische medikamentöse und

nuklearmedizinische Therapien einge-

setzt.

Die Einbindung unterschiedlicher

Fachbereiche ist also unumgänglich?

Es sind viele Fachdisziplinen notwendig,

etwa die Endokrinologie, Gastroentero-

logie, Onkologie, Chirurgie, Nuklearme-

dizin, Radiologie und die Pathologie. Im

klinischen Alltag hat es sich bewährt,

dass all diese Fachdisziplinen zusam-

menarbeiten und in einem spezialisier-

ten Tumorboard die individualisierte

Therapie für den einzelnen Patienten

mit NET besprechen. Diese Interdiszipli-

narität spiegelt sich wieder in der Zen-

trumsbildung mit einem Team von Spe-

zialisten der verschiedenen Fachrich-

tungen und einer Spezialambulanz als

Anlaufstelle und Koordinationsstelle für

die Patienten innerhalb des Interdiszip-

linären Zentrums für Neuroendokrine Tu-

moren.

NET sind seltene Tumorerkrankungen.

Welche sind dabei die häufigsten?

Die meisten NET kommen zu etwa 60 bis

70 Prozent im sogenannten Gastroente-

ro-Pankreatischen System vor, also im

Magen-Darm-Trakt und in der Bauch-

speicheldrüse. Weitere 30 Prozent der

NET, die sogenannten Karzinoide der

Lunge, treten in der Lunge auf. Außer-

dem gibt es noch sehr seltene andere

Lokalisationen für NET in vielen anderen

Organen des Körpers.

Oft werden NET erst nach längerer Zeit

entdeckt. Warum ist das so?

Es ist oft ein langer Weg zur Diagnose,

weil die initialen Symptome der Patien-

ten relativ unspezifisch sind, es können

zum Beispiel Bauchbeschwerden sein –

und diese können natürlich unterschied-

Oberärztin Prof. Dr. Christine Spitzweg, Co-Leite-

rin des GEPNET-KUM.

Oberarzt Prof. Dr Christoph Auernhammer, Leiter

des GEPNET-KUM am Klinikum der Universität

München.

Fotos: Klinikum Großhadern

SELBSTHILFE: DAS NETZWERK NET E.V.

Was bedeutet die Diagnose für mich und mein Leben? Wer kann mir helfen, sei

es bei der Diagnose, Therapie oder Nachsorge? Wo kann ich mich mit Betroffe-

nen austauschen? Fragen wie diese stellen sich, sobald man mit der Diagnose

„Neuroendokriner Tumor“ konfrontiert wird. Durch die relativ niedrigen Erkran-

kungszahlen (siehe oben) sind die meisten Ärzte über Diagnostik, Therapien

und Nachsorge kaum informiert. Daher ist es für die Patienten wichtig, schnell

einen kompetenten Ansprechpartner zu finden.

Das

Netzwerk Neuroendokrine Tumoren (NeT) e.V.

in Nürnberg ist die größte

Selbsthilfeorganisation für Patienten und deren Angehörige im deutschspra-

chigen Raum – und eine der größten in Europa. Die Vorsitzende des Vereins,

Katharina Mellar, ist selbst eine Betroffene: Sie lebt seit rund vierzehn Jahren

mit der Erkrankung und setzt sich für die Aufklärung zum Thema NET ein.

Das Netzwerk berät Betroffene und Angehörige, kooperiert mit Ärzten, organi-

siert Treffen in Regionalgruppen, bei denen sich Patienten austauschen kön-

nen und fachärztliche Vorträge gehalten werden, sowie Seminare und Weiter-

bildungsmaßnahmen. Neben zahlreichen Informationsbroschüren zum Krank-

heitsbild werden auch Behandlungszentren und kompetente Anlaufstellen ge-

nannt. Beim jährlich stattfindenden, überregionalen Neuroendokrinen Tumor-

tag werden neueste Studien vorgestellt, neue Medikamente und Therapien.

Kontakt:

Netzwerk Neuroendokrine Tumoren (NeT) e.V., Wörnitzstraße 115a,

90449 Nürnberg, Tel. 0911/2528999, E-Mail

info@netzwerk-net.de

. Informa-

tionen online unter

www.netzwerk-net.de

.

KLINIKEN & FACHÄRZTE

Verlagsbeilage der Mediengruppe

Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung

und der Abendzeitung München

am Freitag, 27. Januar 2017

Auflage:

177.475 Exemplare (IVW III/2016)

Redaktion:

Franziska Meinhardt, Kerstin Bauer,

Ulrike Kühne, Cestmir Mican, Daniela Feldmeier

Titelbild:

ccvision.de

Anzeigen:

Verkaufsteams der Mediengruppe

Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung

und der Abendzeitung München

Anzeigenmarketing:

Carola Meier,

Margot Schmid

Verkaufsleitung:

Hans-Jürgen Scherm,

Lukas Wohlfarth

Verlags- und Anzeigenleitung:

Klaus Huber

Druck:

Cl. Attenkofer’sche Buch- und

Kunstdruckerei, Verlag des Straubinger

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